Wenn bei der Geburt niemand deine Hand hält

In diesem Artikel erfährst du:

  • warum ein Geburtstrauma oft dort entsteht, wo Beziehung gefehlt hat,
  • was Co-Regulation bedeutet und warum du während einer Geburt besonders darauf angewiesen bist,
  • was es konkret heisst, wirklich für eine Frau da zu sein, auch unter Zeitdruck,
  • und warum das Alleinsein von damals bis heute nachwirkt.

„Ich war umringt von Menschen, und trotzdem war ich in diesem Moment allein. Niemand hat meinen Blick gehalten. Niemand war wirklich bei mir.“
Wenn du dich bei der Geburt allein gefühlt hast, obwohl Menschen um dich herum waren, geht es dir wie vielen Frauen.

Wenn du das lieber hörst, findest du die ganze Folge hier: Wenn bei der Geburt niemand deine Hand hält.
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Warum das Alleinsein bei der Geburt so weh tut, auf einen Blick:

Trauma entsteht sehr oft in Beziehung, oder dort, wo Beziehung gefehlt hat.

Dein Nervensystem reguliert sich über andere Menschen. Während der Geburt brauchst du Verbundenheit nach aussen und nach innen.

Die Verbindung bricht an konkreten Stellen: Schichtwechsel, Fachsprache, ein überforderter Partner, ein Satz im falschen Ton.

Was bis heute nachwirkt, ist oft weniger das Ereignis als die Erinnerung daran, allein geblieben zu sein.

Ich kenne beide Seiten

Als Hebamme kenne ich die Konzentration darauf, die Übersicht zu behalten und in schwierigen Situationen alles richtig zu machen.

Als Mutter kenne ich auch die andere Seite: Ich lag da und fühlte mich wie in einem Film, als ob es gar nicht um mich ginge. Alle hatten zu tun, jeder hat seinen Handgriff gemacht, und ich war wirklich froh darum.

Aber spätestens als das Kind da war, hätte ich jemanden körperlich spüren müssen. So bin ich innerlich allein geblieben. Ich war auch nicht im Stande, um etwas zu bitten. Es fühlt sich bis heute wie ein krasser Widerspruch an: einerseits so dankbar für die Hilfe zu sein, die ich gebraucht habe, und andererseits das Alleinsein während all dieser Vorgänge.

Es gibt Momente, da geht es nur noch ums richtige Handeln. Ums Tun. Die Beziehung zwischen der Mama und dem Geburtshilfeteam ist nicht spürbar da, obwohl so viel getan wird, damit es gut herauskommt. Alle sind im Stressmodus.

Im letzten Artikel habe ich beschrieben, wie dein Erleben im Zusammenspiel von drei Ebenen entsteht: deinem inneren System, der Beziehung, und der Kultur rundherum. Hier geht es um die mittlere Ebene.

Warum dein Nervensystem andere Menschen braucht

Unser Nervensystem reguliert sich über andere Menschen. Man nennt das Co-Regulation: Die Ruhe eines anderen Menschen überträgt sich auf dein eigenes Nervensystem, so wie eine unsichtbare Nabelschnur, über die Sicherheit von einem Menschen zum anderen fliesst.

Während der Geburt bist du verletzlich und brauchst Verbundenheit. Nach aussen, zu einem Menschen, der bei dir bleibt. Und nach innen, zu dir selbst. Beides wirkt zusammen. Je mehr du mit dir selbst verbunden bist, desto ruhiger bleibst du, auch wenn es rundherum hektisch wird. Und umgekehrt: Ein Mensch, der bei dir bleibt, hilft dir, bei dir selbst zu bleiben.

Was dabei körperlich passiert, liest du ausführlich in: Geburtstrauma: Ist jede Geburt ein Trauma?

Wo die Verbindung während einer Geburt bricht

Da war eine Hebamme, die ständig wieder gehen musste, ein Schichtwechsel, immer neue Gesichter, niemand, der wirklich dranbleibt. Ärztinnen oder Ärzte haben Entscheidungen über deinen Kopf hinweg getroffen, in einer Fachsprache, die dir nichts erklärt hat.

Dein Partner war selbst überfordert, hilflos, womöglich im eigenen Schock, und konnte deshalb nicht emotional bei dir sein. Es fielen Sätze wie «Stellen Sie sich nicht so an», gesagt in einem Ton, der alles bagatellisiert hat, was in dir vorging.

 

Was heisst denn, wirklich da zu sein?

Wirklich da zu sein hat wenig mit mehr oder weniger Zeit zu tun. Es heisst, dass da ein Mensch ist, der dich wirklich wahrnimmt und dich im Blick hat. Der sich zu dir stellt und dir zum Beispiel sagt: Was jetzt getan werden muss, geht sehr schnell. Aber ich passe auf dich auf.

Das dauert ein paar Minuten. Und es macht den Unterschied, ob du in diesen Minuten allein bist oder ob du dich gehalten fühlst.

Warum dieses Allein-Gefühl so lange nachwirkt

Ganz oft ist es die Erinnerung daran, dass niemand innerlich bei dir geblieben ist, während etwas Schlimmes passiert ist, die dich heute noch beschäftigt.

Manchmal zeigt sich das als Schwierigkeit, Hilfe überhaupt anzunehmen, weil sich ein Teil in dir sagt, ohnehin sei niemand da, wenn es darauf ankommt. Manchmal als starke Selbstgenügsamkeit, du machst lieber alles allein. Manchmal als Misstrauen gegenüber Menschen, die eigentlich helfen wollen. Oder als Überanpassung, du sagst lieber nichts, aus Angst, lästig zu sein.

Auch körperlich kann sich das zeigen: eine Enge im Brustkorb, wenn du an die Geburt denkst, eine innere Leere, oder Tränen, die kommen, sobald es um das Gesehenwerden geht. Das sind verständliche Spuren einer Erfahrung, in der du in einem sehr verletzlichen Moment innerlich allein warst.

Mehr dazu, wie sich das im Alltag zeigt: Wie äussert sich ein Geburtstrauma und warum bleibt es oft unbemerkt?

Deine Sehnsucht nach Verbindung gehört zu dir

Deine Sehnsucht nach Verbindung gehört zu dir

Du warst nicht zu anspruchsvoll. Deine Sehnsucht nach jemandem, der wirklich da ist, gehört zu dir. Sie zeigt, dass du gespürt hast, was gefehlt hat.

Wenn niemand da ist, reagieren wir, als hätte man uns aus der Höhle geworfen. Das ist in uns allen evolutionär eingeprägt. Allein draussen bedeutete über Jahrtausende Lebensgefahr. Das Raubtier existiert in deinem Nervensystem bis heute. Es behandelt Alleinsein als Gefahr, nicht als Unannehmlichkeit.

Deshalb trifft es dich so hart, wenn in einer Situation, in der es ums Überleben ging, niemand bei dir geblieben ist. Nicht weil du schwierig bist. Weil du ein Mensch bist.

Etwas, das ich dir gerne mitgeben möchte

Wenn du magst, nimm dir in den nächsten Tagen einen ruhigen Moment für dich. Schau innerlich auf deine Geburt. Gibt es eine Stelle, an der du heute sagen würdest: Da hätte ich jemanden gebraucht, der sich zu mir setzt, mich anschaut, mir sagt, was gerade passiert?

Du musst daraus nichts machen. Es reicht, diesen Moment einmal anzuschauen und daneben zu spüren, was du dir damals gewünscht hättest.

Und dann umarme dich. Sag zu dir: Wow, was ich alles überstanden habe. Das ist grandios.

Brauchst du gerade eine Möglichkeit, die dir schnell wieder etwas Sicherheit gibt? Dafür schenke ich dir gern den «Inneren Anker»: Er gibt dir Boden zurück und verbindet dich wieder mit dir. Mit einem Audio, einem Leitfaden und Bildern für dein Handy, die dich sofort beruhigen.

➡ Hier geht es zum Inneren Anker: https://von-innen-gefuehrt.com/innerer-anker/

Fazit

Geburtstrauma ist selten nur ein Ereignis im Körper. Es ist oft eine Erfahrung von Alleinsein in einem Moment grösster Verletzlichkeit. Dass dieser Schmerz in dir so gross ist, zeigt vor allem eines: wie wichtig echte Verbindung für uns Menschen ist.

Deine

Christine

Häufige Fragen

Kann eine Geburt traumatisch sein, obwohl medizinisch alles gut lief?

Ja. Wenn du dich in einem verletzlichen Moment emotional allein gefühlt hast, kann das nachwirken, unabhängig vom medizinischen Verlauf. 

Was bedeutet Co-Regulation bei der Geburt?

Dein Nervensystem beruhigt sich über die Ruhe eines anderen Menschen. Während der Geburt bist du verletzlich und brauchst diese Verbundenheit besonders, nach aussen und nach innen.

Warum fällt es mir heute schwer, Hilfe anzunehmen?

Weil ein Teil in dir gelernt hat, dass niemand da ist, wenn es darauf ankommt. Das ist eine Schutzreaktion, entstanden in einem Moment, in dem du allein warst.

Wie kann ich mich auf eine nächste Geburt anders vorbereiten?

Schau dir an, wer dich begleiten wird. Frag im Vorgespräch nach: Wer ist bei mir, wenn es schnell gehen muss? Wie wird mit mir gesprochen, wenn Entscheidungen anstehen? Bleibt jemand bei mir, auch während andere arbeiten? Die Antworten sagen dir mehr über das Team als jede Statistik. Und überleg dir, wen du zusätzlich dabeihaben möchtest, eine Begleitperson, eine Doula, deren einzige Aufgabe es ist, bei dir zu bleiben.

Hier habe ich acht Fragen zusammengestellt, die dir helfen herauszufinden, was für dich wichtig ist.  8 Fragen für Schwangere und Mütter

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