„Ich fühlte nichts.“ – Wenn Geburtstrauma die Verbindung unterbricht
Was passiert, wenn eine Mutter nach der Geburt erschöpft und überwältigt ist?
„Ich fühlte nichts, nur Leere…“
So hat es Lea beschrieben.
Mit diesem Beitrag möchte ich diesen Müttern eine Stimme geben und erklären, was eigentlich geschieht, wenn die Verbindung abbricht:
Zu sich selbst, zum eigenen Körper, zum Kind und manchmal auch zum Partner.
Traumatische Schwangerschaft: Wenn der Körper im Alarm bleibt
Heute erzähle ich einen Teil der Geschichte von Lea und ihrem Sohn Dario.
Als Lea sich an den ersten Moment nach der Geburt erinnerte und in die grossen Augen ihres Babys geschaut hat, realisierte sie: „Ich fühlte nichts. In mir war nur Leere.“
Es ist eine Erfahrung, die so viele Mütter kennen. Und fast jede, die ich nach einer schweren Geburt begleiten durfte, hat geglaubt: „Mit mir stimmt etwas nicht. Für alle anderen ist es anders … nur ich habe keine Gefühle.“
Doch schauen wir, was lange vor der Geburt geschah:
Leas Schwangerschaft war von Beginn an belastend.
In der 32. Woche spürte Lea plötzlich keine Kindsbewegungen mehr, dafür einen Druck nach unten in ihrer Vagina. Der Muttermund war dann tatsächlich verkürzt, obwohl das CTG (Wehen- und Herztonschreiber) keine Gebärmutteraktivität anzeigte.
Und weil sich der Muttermund verkürzt hatte, musste sie wochenlang im Spital an der Infusion mit Wehenhemmern liegen. Das sind Medikamente, die starke Nebenwirkungen auf das Nervensystem haben, sie lösen Herzklopfen, Schwitzen und innere Unruhe aus.
In der 36. Schwangerschaftswoche konnte die Infusion abgesetzt werden und Lea durfte sogar wieder nach Hause. Der Muttermund war zu, doch dieses Angstgefühl blieb in ihr sitzen.
Bei einer nächsten Untersuchung zeigte der Ultraschall, dass sich ihr Kind kaum bewegte. Zwei- bis dreimal pro Woche musste sie dann zur Kontrolle.
In der 38. Woche kam Dario nach einer langen, schweren Geburt zur Welt. Und Lea sprach laut aus, was viele Frauen nur denken: „Dario hat mich angeschaut, aber ich fühlte nichts. Nur Leere.“
Und sie fügte hinzu: „Daran knabbere ich noch heute.“
Wenn das Fühlen nach der Geburt verschwindet
Nach der Geburt verschärfte sich Leas Not. Gereiztheit, Aggression, Überforderung, alles typische Symptome nach traumatischer Geburt. Dazu die Schuldgefühle, wenn sie ihr Baby schreien lassen musste, weil sie selbst einfach nicht mehr weiter wusste.
Der Grund ist: Bei massiver Belastung schaltet das Gehirn Gefühle automatisch weg und das Nervensystem stellt auf Alarm und Funktionsmodus um.
Alles, was mit Fühlen, Nähe oder Einlassen zu tun hat, wird heruntergefahren. Nicht, weil eine Mutter das möchte – sondern weil der Körper auf Schutz programmiert ist, sobald Gefahr oder Überforderung wahrgenommen wird.
Die Folgen:
- Die Wahrnehmung wirkt „wie im Film“
Gedanken kreisen ständig
Nichts ergibt Sinn
Mütter fühlen sich, als hätten sie versagt
Der Weg zurück: Körperwahrnehmung und Nervensystem-Regulation
Als Lea mir das alles erzählt hatte, mussten wir erstmal tief durchatmen.
Danach begannen wir uns dem Körper zuzuwenden. Wir wollen erforschen, wie der Körper in solchen Situationen reagiert und wie es ihm geht.
Stell dir vor, dass der Köper dein Haus ist, indem du in diesem Leben wohnst. Dieses Körperhaus hat Wände und ein Fundament, das stark erschüttert ist nach traumatischen Erfahrungen. So dass du dich nicht mehr sicher fühlst und buchstäblich den Boden unter den Füssen verloren hast. Es ist der Ort, an dem Trauma gespeichert wird. Aber auch der Ort, an dem Heilung beginnen kann.
So legte ich mit Leas Einverständnis meine Hand an ihren Rücken. Nach einer Weile merkt sie, dass diese Berührung ihr etwas Halt gibt. Wir lassen uns Zeit, damit ihr Inneres, ihr Nervensystem diese „Hand im Rücken“ annehmen kann, und mit der Zeit realisiert: Die Gefahr ist jetzt vorbei.
Dann richteten wir den Fokus auf den Atem.
Tiefes, ruhiges Atmen aktiviert den Parasympathikus – den Teil des Nervensystems, der Entspannung ermöglicht und für die Wiederherstellung von Sicherheit verantwortlich ist.
Lea wurde ruhiger, und mit der Ruhe kamen erste Gefühle und Tränen. Dieses langsame Wiederankommen im Körper braucht Zeit. kommen zu viele Gefühle auf einmal hoch, überfluten sie wie eine Welle, die zu gross ist. Echte Rückverbindung entsteht immer behutsam.
Diese Art der Arbeit bildet die Grundlage für jede Verarbeitung eines Geburtstraumas.
Co-Regulation: Warum Babys Nervensystem die Mutter braucht
Dario war während der Sitzungen dabei, sehr wach und aufmerksam. Wenn Lea ruhig wurde, beruhigte er sich auch. Wenn sie in Spannung geriet, reagierte er sofort mit Nervosität und Unruhe.
Babys lesen Nervensysteme präziser als Worte.
In einer späteren Sitzung begann Dario heftig zu weinen. Lea hielt ihn bei sich, diesmal ohne Angst. Sie konnte emotional da bleiben.
Genau das ist Co-Regulation: Ein erwachsenes Nervensystem, das dem Kind Orientierung gibt, wie ein Leuchtturm im Sturm, der den Schiffen den Weg in den sicheren Hafen weist.
Ein Baby kann sich nicht selbst beruhigen. Es sucht Halt in der inneren Stabilität der Bezugsperson. Bei Lea geschah genau das: Dario weinte sich in mehreren Wellen durch seine Anspannung hindurch, bis er schließlich müde in sich zusammensank und einschlief. Das ist nur möglich, nur heilend, wenn die Bezugsperson nahe und begleitend präsent ist.
Wenn Bindung zurückkehrt: Der Moment der Wärme
In den Wochen danach erzählte Lea, dass Dario ruhiger schlief, mehr lachte und dass sie ihn mit anderen Augen sah. Wenn Unruhe kam, erinnerte sie sich an ihren Atem, an das Bild des Leuchtturms, an ihr Herz. Sie fand zurück zu sich.
Und sie sagte den Satz, den ich mir für jede Mutter wünsche:
„Ich fühle wieder Wärme in mir. Und ich weiß jetzt: Ich kann etwas für mein Kind tun.“
Das ist der Moment, in dem Bindung zurückkehrt – wenn eine Mutter wieder Zugang zu sich selbst findet und damit auch zu ihrem Kind.
Was du aus Leas Geschichte mitnehmen kannst
Ein Geburtstrauma ist kein Fehlverhalten und keine Charakterfrage.
Es ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Wenn du nach der Geburt wenig fühlst, Angst hast oder dich abgetrennt erlebst, dann liegt das nicht an dir, sondern an einem Nervensystem, das überfordert wurde.
Und es gibt einen Weg zurück! Schritt für Schritt, im eigenen Tempo. Ein Geburtstrauma ist kein Fehlverhalten und keine Charakterfrage. Es ist ein Schutzmechanismus des Körpers.
Wenn du nach der Geburt wenig fühlst, Angst hast oder dich abgetrennt erlebst, dann liegt das nicht an dir, sondern an einem Nervensystem, das überfordert wurde.
Genau dafür habe ich ein SOS-SET entwickelt
Wenn es Momente gibt, in denen alles zu viel wird und du einfach nur aus diesen Gefühlen und der Anspannung herauskommen willst, dann ist mein SOS-Set für genau diese Augenblicke da.
Es hilft dir, in wenigen Minuten zurück in deinen Körper zu kommen, den Druck zu lösen und deinem Nervensystem Halt zu geben.
Mit einer kurzen Audio-Übung, einem kleinen Workbook und Impulsen, die du sofort anwenden kannst.
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